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Der Mythos von Gleichheit und Gerechtigkeit (Gelesen: 1225 mal)
11. Februar 2006 um 11:16
alina   Ex-Mitglied

 
Für mamita, die auch ab und zu hier spickt ....

Schockiert/Erstaunt Schockiert/Erstaunt Schockiert/Erstaunt

© Dr. René Zeyer. Dieser Text erschien in der NZZ, für die der Autor als Kuba-Korrespondent mit Wohnsitz Havanna arbeitete.

www.zunzun.ch

Der Mythos von Gleichheit und Gerechtigkeit auf Kuba

Rassismus und Diskrimination sollten zusammen mit kapitalistischer Ausbeutung abgeschafft werden. Weil im Sozialismus nicht sein darf, was nicht sein kann, hat Kuba heute theoretisch eine farbenblinde und gerechte Gesellschaftsordnung mit gleichen Chancen für alle. Die
Wirklichkeit sieht anders aus.

"Tengo, vamos a ver,
que siendo un negro
nadie me puede detener
a la puerta de un dancing o de un bar.
O bien en la carpeta de un hotel
gritarme que no hay pieza."


Auszug aus dem Gedicht "Tengo" von Nicolás Guillén.
zey. Havanna, im November

Der grosse kubanische Poet Nicolás Guillén dichtete 1964: Schauen wir mal, was ich habe. Dass mich als Neger niemand an der Tür eines Dancing oder einer Bar aufhalten kann. Oder an der Rezeption eines Hotels kann mir niemand zuschreien, dass es für mich kein immer habe.

Clemente, ein kubanischer Journalist, wartet auf mich vor der Eingangstüre des Hotels Deauville in Havanna. Eigentlich hatten wir uns in der Lobby verabredet. Aber der Türwächter hat ihn nicht eingelassen.

Pech gehabt, Clemente ist ein Schwarzer. Ein Zimmer hätte sich Clemente in diesem Hotel unabhängig von seiner Hautfarbe sowieso nicht mieten können. Er ist Kubaner. Havanna, 1998.

Das Auto des Ausländers hält vor dem Eingang des Botanischen Gartens der kubanischen Hauptstadt. "Zu Fuss oder in Devisen", fragt der Billetverkäufer mit Blick auf die kubanischen Begleiter. Das bedeutet, entweder müssen sie aussteigen und zu Fuss den immensen Garten besichtigen, oder sich ihren Eintritt in Dollar bezahlen lassen.

Antonio, ein 60jähriger Weisser, weiss hilfsbereit sofort Rat, welcher Elektriker ein kleines Problem im Haus lösen könnte: "Da kann ich dir Eusebio empfehlen, den kenne ich seit vielen Jahren, ein guter und zuverlässiger Arbeiter. Was ja aussergewöhnlich ist für einen Neger."
Natürlich wehrt sich Antonio auf das entschiedenste dagegen, ein Rassist zu sein. Er verweist auf seine internationalistischen Einsätze in Afrika und darauf, dass es doch allgemein anerkannt sei, dass Schwarze durchschnittlich fauler, arbeitsscheuer und dümmer als Weisse seien. "Es ist doch auch typisch, dass die meisten Einbrüche und Diebstähle hier in
Havanna von Schwarzen begangen werden", schliesst Antonio seine Verteidigungsrede ab.

Statt Rassismus, Diskrimination und Apartheit versprach die kubanische Revolution Gleichheit und Gerechtigkeit für alle. Mit der Machtergreifung von Fidel Castro vor vierzig Jahren sollte den vorrevolutionären Zuständen ein Ende gemacht werden, die es selbst dem Diktator Batista nicht ermöglichten, Mitglied im vornehmen Country Club von Havanna zu werden. Er war zwar Alleinherrscher der Insel, aber Mulatte. Der Country Club ist inzwischen ein Altersheim, aber
Gleichheit und Brüderlichkeit haben dennoch nicht Einzug gehalten. Im Gegenteil. Kuba trägt schwer an seinem historischen Erbe, als letzterStaat Lateinamerikas erst 1902 eine beschränkte Unabhängigkeit erhalten zu haben. Zuvor war Kuba über Jahrhunderte Hauptumschlagsplatz für
den Sklavenhandel aus Afrika, und Sklaverei wurde auf der Karibikinsel de facto erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts abgeschafft.

Es gibt heute noch alte Schwarze, die sich daran erinnern können, wie ihre Eltern oder Grosseltern mit der Peitsche aufs Zuckerrohrfeld getrieben wurden. Da die Ureinwohner der Insel vollständig ausgerottet wurden, setzt sich die kubanische Bevölkerung aus direkten Abkömmlingen spanischer Einwanderer, sogenannten Gallegos, deren auf Kuba geborenen
Nachkommen, Criollos, Mulatten und Schwarzen zusammen.

Rassismus ist tief in der Gesellschaft verwurzelt - und offiziell seit dem Triumph der Revolution abgeschafft. Da im Sozialismus nicht sein kann, was nicht sein darf, verfügt die Casa del Caribe in Santiago de Cuba, spezialisiert auf die Erforschung des afrokubanischen Erbes, über eine grosse Anzahl an Untersuchungen über Rassismus auf Kuba. Aber ab dem 1. Januar
1959 herrscht völliges wissenschaftliches Schweigen. Rassismus nach dem Triumph der Revolution? Rassismus heute? Da schütteln die Forscher
unverständig den Kopf. Dazu gebe es keine Untersuchungen, weil es nichts zu untersuchen gebe, ist die sophistische Antwort.

Genauso wenig, wie es ein statistisches Jahrbuch, eine
Verbrechensstatistik oder auch nur eine Auskunft über das Ergebnis der diesjährigen Zuckerrohrernte gibt, ist kein Zahlenmaterial vorhanden, das das Ausmass der Benachteiligung von Kubanern dunkler Hautfarbe vom
persönlichen Erfahrungsbereich auf eine allgemeinere Ebene heben würde.

Die Playas del Este, östlich von Havanna, ist einer der wenigen Strände auf Kuba, wo sich ausländische Touristen und Einheimische noch das Vergnügen teilen können, im Meer zu baden. Allerdings schön separiert.
Es gibt den Abschnitt für Devisenbesitzer und den Abschnitt für Kubaner. Im kubanischen Teil baden Schwarze, Weisse und Mulatten ebenfalls sauber getrennt voneinander.

Auch die Lebensqualität in Wohnquartieren von Havanna wird gerne am Prozentsatz der dort lebenden Schwarzen gemessen. Beispielsweise im vornehmenen Viertel oberhalb der Avenida Kohly in Nuevo Vedado, wo
diverse Ex-Minister, der Generalstaatsanwalt, die Familie des Revolutionshelden Cienfuegos und andere Bessergestellte der Gesellschaftshierarchie leben, werden Schwarze oder Mulatten nur als Bedienstete, Gärtner, Nachtwächter oder Lieferanten akzeptiert.
Natürlich hat auf Kuba jeder die gleichen Chancen. Theoretisch. Also wäre es wohl auch für eine dunkelhäutige Frau möglich, in die höchsten
Aemter aufzusteigen. Fangen wir einmal ganz oben an und nehmen den erweiterten Führungszirkel um Fidel Castro. Das wären der Verteidigungsminister
Raúl Castro, der Wirtschaftsverantwortliche Carlos
Lage, der Parlamentspräsident Ricardo Alarcón, der Aussenminister Roberto Robaina, der stellvertretende Verteidigungs- und Zuckerminister
Ulises Rosales del Toro und der Innenminister General Abelardo Colomé Ibarra. Sieben weisshäutige Männer.

Im Paragraph 120 des kubanischen Strafgesetzbuches werden "Verbrechen der Apartheid" wie "Diskriminierung von Teilen der Bevölkerung nach rassischen Kriterien" mit drakonischen Strafen von bis
20 Jahren Gefängnis oder sogar dem Tode bedroht. Und der Artikel 295 doppelt nach, dass jeder, der eine Person aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Rasse oder ihrer Hautfarbe diskriminiert und in der Ausübung ihrer
in der Verfassung garantierten Rechte behindert, mit 6 bis 24 Monaten Gefängnis oder mit Bussen bestraft wird.
Da aber im Sozialismus Diskrimination oder Apartheit ebenso wenig existieren dürfen wie Prostitution oder Kriminalität, ist allerdings kein Fall bekannt, in dem diese Paragraphen zur Anwendung kamen.

Nach dem Triumph der Revolution im Jahre 1959 machten sich die neuen Machthaber mit Energie und Fantasie daran, Gleichheit und Gerechtigkeit
auf die Insel zu bringen. In einer Alphabetisierungskampagne gigantischen Ausmasses wurde im Jahre 1961 das Land mit improvisierten
Volksschulen überzogen, Analphabetismus, der vor allem in den ländlichen Regionen bei über 50 Prozent lag, faktisch ausgerottet. Jeder Kubaner sollte, unabhängig von Herkunft, Rasse oder Geschlecht, Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen bekommen. Und bis Mitte der Sechziger Jahre bemühte sich die Revolutionsführung, durch eine Art Quotensystem den Anteil von Schwarzen oder Mischlingen in leitenden Positionen deutlich zu erhöhen. Solange es durch den milliardenschweren
Zustrom von Hilfsgütern aus dem sozialistischen Lager Ueberfluss zu verteilen gab, profitierten vor allem die zuvor benachteiligten gesellschaftlichen Schichten vom neuen Reichtum.

Seit es aber im Rahmen der "speziellen Periode in Friedenszeiten", euphemistische Umschreibung für
die schwere Wirtschaftskrise seit Anfang der 90er Jahre, nur noch Mangel zu verteilen gibt, hat es mit der Gleichheit auch sein Ende gefunden.

Reihenweise erliegen zudem Funktionäre den korrumpierenden Verlockungen der Dollarwelt. In den wenigen zugelassenen Tätigkeiten für private Kleinunternehmer führen einige zudem geschickt vor, wie sich mit einem Restaurant oder einer kleinen Herberge für Touristen in wenigen Tagen das Jahresgehalt eines Chefarztes verdienen lässt.
Dollarbesitzer haben es besser als Habenichtse, die ihr Einkommen nur in der Landeswährung beziehen. Selbst Grundnahrungsmittel wie Speiseöl, Lebensnotweniges wie Waschpulver oder Kleider sind fast ausschliesslich
nur noch in Devisen erhältlich, bei einem Wechselkurs von eins zu zwanzig zwischen Dollar und Peso und europäischem Preisniveau auf allen freien Märkten eine fast unüberwindliche Barriere. Doch selbst in
der Dollarwelt gibt es noch feine Unterschiede. Ausländer haben Zugang zu allen touristischen Einrichtungen, Kommunikationsmitteln,
elektrischen Haushaltsgeräten, Presseerzeugnissen oder Transportmitteln.
Kubaner, obwohl sie seit 1993 legal Dollar besitzen dürfen, nicht.

Vor allem im militärisch industriellen Komplex, der mit seinen monopolartig über die gesamten Import- und Exportgeschäfte herrschenden Firmen Cubalse und Cimex, mit seinen Banken, mit seinem Tourismusveranstalter Gaviota, mit seinen Beteiligungen an Joint Ventures die Wirtschaft Kubas beherrscht, sind fette Pfründe zu verteilen.

Das lässt sich nicht am Gehalt messen, auch ein Generaldirektor verdient hier nicht mehr als 30 Franken im Monat, aber an einer Vielzahl von Privilegien. Auto mit Chauffeur und unbegrenzter Benzinzuteilung,
Spesenkonto, Sonderzuteilungen von allerlei Lebensnotwendigem sind nur einige davon. Hinzu kommt ein Beziehungsnetzwerk, das in vierzig
Jahren Revolution immer weiter verfeinert wurde. Dein Sohn sucht eine Stelle, meine Geliebte braucht einen anständigen Arbeitsplatz im Tourismus. Ich brauche Baumaterial für mein Haus, dir fehlt eine Ausreisebewilligung. Du möchtest von deinem Posten als Farmdirektor auf dem Land weg, ich möchte an einer Konferenz in Madrid teilnehmen.

Da alle Staatsbetriebe keinerlei öffentlicher Kontrolle unterliegen, wuchert zudem natürlich die Korruption, der Amtsmissbrauch und jede Form von Misswirtschaft.

Du hilfst mir, ich helfe dir, so werden heutzutage
Karrieren gemacht, und keineswegs aufgrund von Kriterien wie Ausbildung, Qualifikation oder Erfahrung.
Wie bei Orwell sind offiziell alle Kubaner gleich, aber einige sind gleicher. Beim Verlust revolutionärer Werte wie Gleichheit und Gerechtigkeit hat sich selbst der Sinn des Wortes Revolutionär in sein Gegenteil verkehrt.
Statt Aufrührer und Veränderer ist ein Revolutionär heute jemand, der den Status quo bewahren will, der seinen Besitzstand schützen möchte.

http://www.zunzun.ch/pdf/txtpdf/ZunZun_Apartheit.pdf
 
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Antwort #1 - 12. Februar 2006 um 09:07

mamita1   Offline
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Für mamita, die auch ab und zu hier spickt ....
Den Artikel kannte ich zwar schon...Trotzdem Dank an alina; auch für die anderen Infos.
Heide
 
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